Theaterhaus Gessnerallee

Technische Daten

Technische Daten (6)

Letzte Worte aus der Werkzeugkiste. Bald werden 6 Monate Interregnum Loepfe/Zeeb und somit auch diese Kolumne abgelaufen sein. Alles lief nach Plan. Das Programm war in seiner Dichte und Vielfalt attraktiv mit ein paar Wiedererkennungsmelodien und Trouvaillen versetzt. Das Team arbeitete viel und war’s zufrieden. Und die beiden «Erfinderinnen» der in thematische Klammern gefassten «Multifunktionsanlässe» würden Versuche von ad hoc Gesamtkunstwerken, wie es das Grazer Theater am Bahnhof einen Tag lang in allen Räumen der Gessnerallee anstrebte oder die gross angelegte Nachhaltigkeitskonferenz zukünftig wohl in etwas reduzierter Kadenz dafür in konzentrierter Zusammenarbeit mit interessierten Institutionen gestalten. Nun gehen die Ladies aber erst einmal ab, um Festivals und Veranstaltungen zu kuratieren und Pläne für die Nachwuchsförderung auszuhecken. Von den beiden wird die Welt, wie es so schön heisst, mit Sicherheit noch hören.

Mir selbst hat die Beschauung meines eigenen, nächstgelegenen Theaterhauses, in Form von sechs  Kolumnen für die Hauspostille, einigen Spass und etwelches Kopfzerbrechen bereitet. Letzteres vor allem, wenn es darum ging erste Entwürfe auf Ausgewogenheit zu trimmen, sodass sich verdiente und wichtige Persönlichkeiten der hiesigen freien Szene nicht zu sehr auf die Hühneraugen getreten fühlen mussten. Als Elefant im Porzellanladen mit sensiblem Rüsselvakuum an fragilen Scheiben ruckeln, ja; mit dem Hintern ausbrechend Scherbenhaufen generieren, lieber nicht. Alles heil geblieben, nix passiert. S ist wieder auf dem goldenen Boden des Handwerks gelandet. Das Bodenpersonal muss sich ja nicht auch noch meinungsbildnerisch aufplustern, oder?

Der Clown August in Pavel Kohuts gleichnamigen Stück, welches den Prager Frühling vorwegnahm und welches mein erstes Erlebnis am Zürcher Schauspielhaus war, träumt davon, die weissen Lizzipaner zu verführen. Und als der Zirkusdirektor für die Erlaubnis die Lippizaner vorzuführen von August verlangt, ganz nach oben unter die Kuppel zu klettern, da lehnt dieser dankend ab: «Nicht zu hoch hinaus, sonst muss ich schwindeln». So seh ich das und schreibe es der Internationalen der Ehrgeizlinge und Ellenböglerinnen gerne ins Poesiealbum. Und sollte es irgendwann doch zu dick kommen, kann man, wie Kohuts August, am Schluss immer noch die Tiger in die Manege schicken.

Tschüss S.

Ps: Zu Gerüchten, welche eine Fortsetzung der «Technischen Daten» auch unter der neuen Leitung betreffen, kann ich in bester Fussballermanier keine Stellung nehmen: «Ich gehe davon aus, mein Engagement per Juni zu beenden. Es wurden bezüglich einer Weiterführung keine Gespräche geführt und überhaupt, fragen Sie meinen Agenten.»

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Technische Daten (1)

Er ist ausgetrieben, der alte Chef, weder exorziert noch unter Schmerzen ausgepresst, sondern ganz von alleine gegangen, ein halbes Jahr zu früh und im gegenseitigen Einverständnis wohlverstanden.

Eigentlich hatte der Delegiertenrat des Bodenpersonals, - sprich: wir fünf Nasen aus den technischen Abteilungen Licht, Ton und Bühne -, anlässlich der sakrosankten, täglichen Kaffeepausengeneralversammlung unsere Wahlempfehlung für die Neubesetzung des kunstledernen Direktionssessels längst ausgegeben. Wir wollten Loepfe/Zeeb, die beiden umtriebigen Trüffelschweine aus dem Theaternachwuchswäldchen. Sie hatten als Dramaturginnen mit ihrer Präsenz und Nähe zur freien Szene, die Ära Ewerbeck jahrelang entscheidend mit geprägt, (obwohl, letztlich hat dann doch der Chef alles erfunden, oder!).

Müssig zu erwähnen, dass ein solcher synergetisch sinnvoller Neubeginn auf hohem organisatorischen Niveau nicht stattfinden durfte. Visionen müssen her, radikale Zäsuren zumindest. Da ist die Gefahr immanent, dass Naheliegendes unattraktiv, Vernünftiges zu simpel erscheint. Dass wir als langjährige MitarbeiterInnen der Gessnerallee zum Thema Leitungswechsel nie um unsere Meinung gefragt wurden, ist einfach nicht mehr zeitgemäss.

Grämen wir uns nicht. Die Aufbruchstimmung des freien Theaters, zurückdatierbar auf die späten siebziger und achtziger Jahre, die Zeit, als gegen die festgefahrenen Strukturen des Staatstheaters zu Felde gezogen wurde, ist noch immer etwas aus der Mode. Wir sind selbst zum Staatstheater geworden. Das ist der Lauf der Dinge.

Bis nun irgendwann am fernen Horizont des Herbstes 2012 der neue Chef die Geschicke des Hauses zu prägen beginnt, haben wir schön lang Transition. Da tanzen die Mäuse den Übergangs-Jive, da twisten wir Technikanten wie einst im Mai, und auf der Bel-Etage startet das Bürogeschwader tief durch. «Jetzt erst recht», sagen sich die Interimistinnen. Sie sind, gemäss eigener Aussage, auch weiterhin überzeugt, dass an der Gessni längst nicht alle Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks ausgeschöpft seien. Während der nächsten sechs Monate wollen sie nun leicht subversive Unter- und Grundtöne anklingen lassen. Nicht alles soll austariert und auf Sicherheit geplant sein. Und Spass wollen sie haben. Ungebremst und mit Lust am Experiment wollen sie dem letzten Rest Pferdemist in den Winkeln unseres Kavalleriedenkmals zu Leibe rücken. Dass sie diesmal die Rossbollen selber zusammenkehren, haben sie hoch und heilig versprochen.

Uns von der Hardware solls recht sein. Eine Prise Unausgewogenheit, ein Quäntchen programmatische Angriffigkeit und ein Schluck «Kunst und Politik» stünden der Gessnerallee ganz gut an. Wenn schon Zwischennutzung, dann gleich richtig. Der nächste Chef ist wie der nächste Winter; er kommt bestimmt.

S.

 

Technische Daten (2)

Sitze entspannt auf einem 20 mal 30 Zentimeter dicken Balken, elf Meter über Grund, im Dachstuhl der Halle und lasse hoch über den Niederungen des Theateralltags die Beine baumeln. Unten auf der Bühne haben ambitionierte Lichtdesignerinnen und freelancende Abgänger der Szenografenklasse, Zukunfts-Pinas und Nachwuchs-Platels gerade wieder Ideen, die sie – mit jugendlicher Berechtigung – für avantgardistische Neuerfindungen halten. So feiert das dramatisch aufgeschlitzte Daunenkissen zur uneingeschränkten Freude der Techniker alle paar Jahre Wiederaufnahme.

Aber ich sitze rittlings weit über solchen Nichtigkeiten. Verträumt sehe ich den leise vom Balken rieselnden Staubpartikeln nach. Im Widerschein der Beleuchtung werden sie zu glitzerndem Erinnerungsgestöber: Punk statt Opernhaus, Rote Fabrik, Subventionen subito! Imperativ als Umgangston, die Theatergruppe als alternativer Lebensentwurf. Und ich natürlich mitten drin. Es galt, zu hundert Prozent vollautonom, so viele Daunenpfulmen wie nötig zu schlitzen.

Als die Gessnerallee Ende 1989 zum Haus des freien Theaters wurde, war ich schon fast zwei Jahrzehnte lang als Komödiant und Multifunktionalist mit allen möglichen Projekten in der Welt herumgekommen. Als Lebensunterhalt waren sie nie bis in die letzte Konsequenz gedacht. Die segensreiche Einrichtung Gessnerallee benötigte während der verdienstfreien Winterpausen regelmässig Techniker. Und so bin ich mit den Kumpels bis heute an einem der schönsten Arbeitsplätze weit und breit geblieben. Auf die Umverteilung der Kulturpfründe drängt derweil die Jugend von heute.

Für unsereinen ist Schluss mit jugendlichen Exzessen und Hundertstundenschichten zum Nulltarif. Verdient wird wenig aber wenigstens regelmässig. Es klaffen Vorsorgelücken, es lauern Unterversicherungstücken, aber fertig ist mit Selbstausbeutung im Nachtabbau bis zum bitteren Morgengrauen. – Dachte ich…. bis unsere beiden Interimistinnen mit Volldampf das Zepter zu schwingen begannen. Seit einem halben Jahr laufen sie nun mit ihren Monatsthemen schwanger. Sie schwappen fast über vor lauter Ideen. Stündlich ist zu befürchten, dass die Werkstatt auch zur Bühne wird. Zwei gleichzeitige Auf- und Umbauten in ein und derselben Halle gehören zum Grundangebot. Der Techniker soll nun Kolumnen schreiben, der Regisseur Lieder singen, die Tänzerin Schlagzeug spielen. Selbst mit dem grossräumigen Einsatz von Konfettikanonen drohen sie, dabei läuft so etwas unter «Kissenschlitzen» und ist nicht einmal im Fussballstadion akzeptabel. Aber die Chefinnen sind nicht zu halten. Neustens schenken sie im Stall 6 Bier aus und mit hungrigen Augen streichen sie bei Hallenumbauten um die stählernen Gerüstteile, um vielleicht einmal mithämmern zu dürfen. Ja selbst die Sonntagsmatinée, diese unsäglichste aller Kulturdisziplinen, ist nicht länger tabu.

Umverteilung! Wir stellten uns turbogeiles Theater und szenischen Slowfood vor, hofften auf Tiefgang im Höhenflug, auf Inhalt mit Spassfaktor und Theaterfreuden pur. Aber die beiden Ladies zogen uns nur sirenengleich in ihren ausweglosen Arbeitsstrudel. Von meinem Balken aus sehe ich das entspannt: «Es lebe die Kissenschlacht.»

S.

 

Technische Daten (3)

Die Gessnerallee hat keinen guten Ruf. Zwar wird die Kompetenz des Teams und die Ausstattung unseres Hauses von Kulturschaffenden weltweit geschätzt, der sanft renovierte Militärbau fügt sich anstandslos ins Stadtbild  und die Gastronomiebetriebe an bester Zürcher Lage erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Auch sind es nicht die paar Hundertschaften potentieller Zuschauerinnen, das aufrechte Fähnchen der regelmässigen Besucher oder der erweiterte Kreis von einigen tausend kulturbeflissenen Mitbürgern und grundsätzlichen Sympathisantinnen, welche an der Notwendigkeit ergänzender Institutionen zur hochsubventionierten Staatstheatermaschinerie zweifeln würden.

Und doch: Wir haben ein Imageproblem. Uns klebt das Kainsmal des elitären Kunstproduktes Theater am Handgelenk, wie ein Discostempel von gestern Nacht. Unser Angebot gilt als Minoritätenverlustierung unter Gleichgesinnten und Spezialistinnen. Ich persönlich sehe das prosaischer, denn ich kapier halt häufig nicht, was uns der Künstler sagen will. Viele der gezeigten Stücke erscheinen mir unfertig. Sie neigen zu unfundierter Abstraktion, sie kaschieren Mängel an gestalterischer Kraft mit rigider Humorlosigkeit, und vermeintliche Konsequenz in der Umsetzung gerinnt ihnen zu braver Spiessigkeit. Zudem erhalten  leider die wenigsten unserer (Schweizer) Gruppen die Chance, mit ihren ofenfrischen Kreationen ein paar Monate  durch die Lande zu tingeln, um dadurch besser zu werden. Fünfmal gespielt, dann vielleicht noch Basel oder Bern, dann Hagenholz einfach, und fertig.

«Ach, an der Gessni, da war ich vor etwa zweihundert Jahren zum letzten Mal, was gibt’s denn interessantes zur Zeit», heisst es jeweils. Und wenn ich dann, als ebenfalls latenter Nicht-Theatergänger, kraft meines derzeitigen kolumnistischen Auftrages beginne, die aktuellen programmatischen Stossrichtungen zu bewerben, wenn ich von tänzerischen Ritualen der Austreibung, von Solo-Klima-Gipfel- und performativen Nachhaltigkeitskonferenzen oder einer szenisch/musikalischen Generalaufarbeitung von Emigration und Ausschaffung schwadroniere, wenn ich auf Luftkissen tanzende Cowboys und ein Stück mit tausend tanzenden Pingpong Bällen anpreise, dann driften die Gesichtszüge meiner Pappenheimer umgekehrt proportional zur wohlwollenden Schilderung merklich ins Leere. Und wenn schliesslich ein unterlippiges  «Hmm…ja, sehr interessant» abgesondert ist, dann weiss ich, dass wir uns zwar Mühe geben, dann weiss ich, dass wir uns zwar Mühe geben, begeisterndes Theater zu zeigen, dass aber Anspruch und Realität oft auseinander klaffen.

Als Konsument mit gut dreissigjährigem Vergleichsfundus bin ich – und mit mir Heerscharen von unter Mainstreamverdacht stehenden Theaterbanausen und visuell überreizten Fussballbevorzugerinnen – nur schwer zu begeistern. Also lasst sie hinter Euch, die ausgetretenen Pfade der Theorie, getraut Euch Geschichten zu erzählen, die eigenen gar, denn die Abgründe unserer mittelständisch ausgewogenen Hablichkeit sind noch längst nicht ausgelotet.

Grosses Ehrenwort, ich werde mir in nächster Zeit Mühe geben, wieder mehr Stücke zu sehen. Künstler-bashing geht ja nur, wenn man weiss  worüber man lästert. Die Nähe zur Materie ermöglicht Sympathie, verfeinert die Sensorien und erlaubt differenziertes urteilen. Und wenn ich erst differenziere, werde ich auch wieder ganz lieb und begeistert sein. Denn schliesslich ist mein freies Theater unser freies Theater und das einzige das wir haben.

S.

 

Technische Daten (4)

Hatte mir vorgenommen, nicht mehr über Kreative herzuziehen, ohne mir anzusehen, was die so zeigen. Ging also ins Theater. So kam ich eines Abends aus der Halle, wo eine knappe Stunde lang drei harthüftige Cowboys versucht hatten, nicht mit «gebrokenem back» vom gewaltig aufgeblasenen «mountain» zu stürzen. Eine einzige Idee mag für ein ganzes Theaterstück reichen, dachte ich achselzuckend und wechselte mit den überschaubaren Zuschauermassen in den Stall 6, wo eben ein Konzert begonnen hatte. Die Musik tönte grundfalsch, was allerdings kein Kriterium ist, um erhöhte Qualität a priori auszuschliessen. Ich bezog einen Platz mit Blick aufs Geschehen. Da schmierte ein dandyhaft aufgemachter Zwerg mit Stromgitarre und Stehmikrofon aufs Gröbste, hinten holperte eine Schlagzeugerin als trüge sie Skischuhe an Händen und Füssen, und die Saitenfraktion rumpelte ungerührt über alle möglichen rhythmischen Stolperfallen hinweg. Maurice, der Verantwortliche für die Stall-Programmierung beugte sich zu mir und meinte: «Das Theater war wohl ziemlich schräg heute.» Ich verwies auf die Achtzigerreliquie Tav Falco auf der Bühne und entgegnete, dasselbe liesse sich auch über die  Musik sagen. Wär’s nicht viel zu laut gewesen, hätte ich mit Maurice gerne länger übers Geschäft geredet, über den Verdrängungskampf im dichten Zürcherischen Angebotsdschungel, wo sich nächtens die unbekannte, die semiberühmte und die abgehalfterte Kunstmusik ein Stelldichein geben.

Mein Gang durch das Angebot des Theaterhauses war lanciert. Als nächstes würde ich mir eine gross angelegte Hausproduktion mit Laien ansehen. Wohlwollend vermerkte ich die in solchen Momenten immer vorhandenen interessanten Ansätze. Die Isländerin verpasste ich aus terminlichen Gründen und ab dann war bereits ziemlich Schluss mit Kunstgenuss. Denn es kamen die tollen Tage auf uns zu, die wir im Technikerjargon «Theater auf allen Bäumen» nennen. Zuerst der kunterbunte Samstag mit der netten Grazer Theater- und Performancegruppe, samt zugewandten Orten, die uns in unserer sehr weitläufigen Hütte von zuhinterst bis zuoberst mit flüchtigen Ideen und Fingerübungen zum Thema Abschied mehrere Tage lang auf Trab hielt. Dann der inhaltlich anspruchsvolle «Nachhaltigkeitsbasar», der uns Technikern vor allem wegen seiner Arbeitsintensität in Erinnerung bleiben wird.

Diese beiden thematischen Grossveranstaltungen mit ihrem Facettenreichtum und den vielen kleineren oder grösseren Dingen, die es zu entdecken gab, waren für das zahlreich erschienene und insgesamt gut gelaunte Publikum bestimmt eine lohnenswerte und erspriessliche Erfahrung. Da wehte von ferne ein feines Lüftchen durch das spaltbreit geöffnete Tor zum Elfenbeinturm, da liess sich erahnen, wie das wirkliche Leben in seiner aktuellen, politischen Brisanz die hehre Kunst auf den Boden holen kann.

Den gemeinen Theatertechniker befrage man jedoch besser nicht nach seiner Meinung zum Geschehen auf der Bühne, denn er steht in der Regel da wie der Securitypflock im Stadion, die ganze Zeit Arschbacken zusammen, Blick geradeaus auf die feindlichen Zuschauer, das Spiel im Rücken sieht er gar nicht.

S.

PS: für eine Liebeserklärung hat’s diesen Monat nicht gereicht. So etwas sollte ja nicht übereilt geschehen, und ausserdem scheint mir der Monat Mai dafür traditionell besser geeignet.

 

Technische Daten (5)

Ich vergesse schnell und gründlich – eine segensreiche Einrichtung der Natur aber auch ein täglicher Kleinkrieg. So fülle ich die Agenda mit tausend kleinteiligen Obliegenheiten und lasse sie dann unbesehen vergammeln. Kumuluswolken verpasster Elternabende, vergeigter Sitzungen, verpennter Zahnarzttermine und verschwitzter Geburtstage türmen sich auf, und die vielen Theaterstücke, die seit mehr als zwanzig Jahren über unsere Bühne aus nordamerikanischer Oregon-Pine gegangen sind, stehen auf staksigen Beinen im Treibsand der Erinnerung. Sie sind unwiderruflich dem Versinken anheimgestellt.

Vom Zufallsgenerator eingestreute Stopps bleiben im Daumenkino der Erinnerung hängen. Ein Stück von Igor Bauersima hat sich in meine Hirnkruste geätzt. Mike Müller gab in der Gartenbeiz, auf einem extra aufgeschütteten, echten Tennisplatz, einen genialen Teufel. Unvergesslich die Springseilnummer in einem Stück von DV8, Stefan Kurt als Pip in «Wie es euch gefällt», Hoschi als trashiger Papst, Fabienne Hadorn, wie sie als Hund versucht eine Billardkugel zu zerbeissen, und Cathomen in «shoppen und ficken» …nein… welches Stück war das noch mal…egal. Wenn ich mich wirklich an etwas erinnern will, dann frage ich den Kollegen vom Licht. Er ist der dienstälteste am Haus und ein wandelndes Archiv. Er ruft locker die ungefähren Gastspieljahre der Stücke, die entsprechenden Gruppen, die Regieführenden und selbstredend Namen und Aussehen der jeweiligen Produktionsassistentinnen ab. Der erinnert sich sogar an Dinge, die gar nicht passiert sind. Es gab surreale Momente hinter den Kulissen. Wie damals als Blut und Schweiss von der Decke tropfte. Israelis waren zu Gast, solche, die auch noch ein paar Palästinenser dabei hatten. Einer der Techniker kaufte sich einen «Leatherman», das beliebte Universalwerkzeug des gemeinen Theatertechnikers. Mit dem blöden Klappteil, welches (natürlich) erst in der schweizerischen Victorinox-Version eine Klingenarretierung erhielt, schnitt er sich zuoberst auf der Bühnenbaute fast einen Finger ab. Der zweite Fall betraf einen netten aber nicht sonderlich beweglichen Freelancer, der im Zuge einer technischen Einrichtung auf einer wirklich nicht sehr hohen Gerüsttraverse ein paar Scheinwerfer richten sollte. Plötzlich war der Boden mit einzelnen schweren, nachtschwarzen Tropfen gesprenkelt und es wurden immer mehr. Der arme Mann kroch da oben bäuchlings und null schwindelfrei übers Gestänge und schwitzte die Angst aus sich heraus wie eine übersatte Regenwolke.

Ich stelle fest: Ganz so gründlich ist es nicht, das Vergessen. Die Schreiberei öffnet Schleusen der Erinnerung. Darum höre ich an dieser Stelle besser auf, weil nebst aller verklärten Schönwettervergangenheit auch noch düstere Ereignisse aus dem Halbdunkel des Verdrängens auftauchen könnten. Unverjährbare Wegmarken, die von Verletztheit, verweigerter Wertschätzung, Wut und Enttäuschung berichten. Ja, auch Solches ist möglich an diesem Haus.

Derweil kommt der Mai übers Land. Ein paar wenige Tage lang erfüllen betäubende Gerüche von Flieder und Goldregen Zürichs Strassen. Und es ist Zeit für die saisonale Liebeserklärung an die Gessnerallee, die einmalige, die unerreichte, stimmige Insel im Gnomenmeer. Die widerständige, unkorrumpierbare, uneinnehmbare Schanze gegen ausufernde Abzocke, zynische Termingeschäfte und zuviel nächtliche Bahnhofstrassenleere. Nie ist sie schöner, die Gessnerallee, als im Frühling. Hier zu arbeiten ist ein grosses Privileg.

S.